Maria Sewcz ohne Titel aus der Serie inter esse, Berlin 1985-87 Silbergelatineabzug (Vintage) © Maria Sewcz

Künstler*innengespräch: Maria Sewcz und Miron Zownir

Moderiert von Dr. Candice M. Hamelin
26.11.2020

Das Künstler*innengespräch wird untersuchen, wie Maria Sewcz und Miron Zownir Berlin in den späten 1970er und 1980er Jahren erlebten und fotografierten. Im Mittelpunkt der Diskussion stehen die jeweiligen Serien inter esse (Berlin, 1985–87) und Berlin Noir (1977–2016), die beide in der Ausstellung gezeigt werden, sowie die vielfältigen fotografischen Praktiken, die zu dieser Zeit in Berlin sich entfalteten. Das Gespräch wird von der Kuratorin der Ausstellung Berlin, 1945-2000: A Photographic Subject, Dr. Candice M. Hamelin, moderiert.


Maria Sewcz (* 1960 in Schwerin)

Mitte der 1980er Jahre streifte Maria Sewcz durch Ostberlin und fotografierte Details von Straßenschildern, Denkmälern und Innenräumen. Sie fotografierte aber auch Menschen, die ausschnitthaft abgebildet werden und anonym bleiben. Die als Diplomarbeit an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig präsentierte Werk mit dem Titel inter esse (Berlin, 1985–87) vermittelt die Erfahrungen der Künstlerin in und von Ost-Berlin, als sie sich mit den formalen Möglichkeiten und der Mehrdeutigkeit der Fotografie auseinandersetzte. Wie die Künstlerin im Nachhinein in den 2000er Jahren erklärte, fungiert es auch als Metapher auf Grund der Unmöglichkeit, ganz Berlin zu sehen.

Sewcz war Mitglied der Künstlergruppe EIDOS und absolvierte in den 1990er Jahren ein Aufbaustudium an der HGB. Seit 2011 unternahm sie ausgedehnte Reisen, veröffentlichte mehrere Bücher, darunter inter esse, Berlin 1985-87 (2013) und TR 34; ISTANBUL (2018), und erhielt Stipendien u.a. von der Deutschen Akademie Rom Villa Massimo, der Akademie der Künste in Berlin und das Istanbul-Stipendium der Senatsverwaltung für Kultur, Berlin. Maria Sewcz lebt in Berlin und lehrt an der Ostkreuzschule für Fotografie.


Miron Zownir (* 1953 in Karlsruhe)

1975 kam der autodidaktische Fotograf, Filmemacher und Schriftsteller Miron Zownir nach West-Berlin, einer damals isolierten, hoch subventionierten Stadt voller Punks, Hausbesetzer*innen, Drogenkonsumenten, Künstler*innen, junger westdeutscher Männer, die sich der Wehrpflicht entzogen, und unendlicher Möglichkeiten. Zownir blieb fünf Jahre lang, bevor er ins Ausland zog, zunächst nach Großbritannien, dann in die Vereinigten Staaten, und jagte und fotografierte Westberlins Unterwelt auf den vernachlässigten Straßen der Stadt und in ihren düsteren Bars, SM-Clubs, Bordellen, Schwulentreffs und U-Bahn-Stationen. Seine dunklen, manchmal körnigen, manchmal scharfen Silbergelatineabzüge aus der Serie Berlin Noir (1977-2016) zeigen eine apokalyptisch anmutende Stadt, deren Bewohner, zumindest diejenigen, die die Aufmerksamkeit des Fotografen erregt haben, dringend eine Dusche oder eine Mütze Schlaf und manchmal beides gebrauchen könnten, auf der Suche nach dem nächsten Schuss oder Stelldichein und auf der Suche nach Abenteuern und Möglichkeiten, um ihre Aggressionen abzubauen und gegen die Behörden und vor allem gegen den Status quo vorzugehen.

Zownir, der als der Dichter der radikalen Fotografie bezeichnet wird, kehrte 1995 nach Berlin zurück und nutzt die Stadt seither als seinen Heimatstandort, während er herumreist und Menschen fotografiert, die oft am Rande der Gesellschaft stehen. Er hat zahlreiche Fotobücher veröffentlicht, darunter Down and Out in Moscow, Ukrainian Night, NYC RIP, alle ab 2015, Berlin Noir (2017) und Romania Raw (2020).