Ausstellung

Roger Melis – Die Ostdeutschen

Fotografien aus drei Jahrzehnten DDR
12.04. – 28.07.2019
Kaum ein zweiter Fotograf hat die Ostdeutschen und ihre Lebenswelt so lange, so intensiv und in so vielen Facetten beleuchtet wie Roger Melis (1940-2009). Drei Jahrzehnte lang bereiste der Mitbegründer und Meister des ostdeutschen Fotorealismus von Berlin aus die DDR als ein Land, das er unter der Herrschaft der SED oft als »still« und erstarrt empfand. In atmosphärisch dichten, oft symbolhaften Fotografien dokumentierte er das alltägliche Leben der Menschen in Stadt und Land, ihre Arbeits- und Lebensbedingungen, aber auch die mehr oder weniger freiwillig absolvierten politischen Rituale im realen Sozialismus.

Eindringliche Fotografien von Schriftstellern und bildenden Künstlern machten Melis bereits in den 1960er Jahren in Ost und West bekannt. Viele seiner Autorenporträts, etwa von Anna Seghers, Heiner Müller, Christa Wolf, Sarah Kirsch oder Wolf Biermann, prägten fortan in Zeitungen und Zeitschriften, in Büchern und Kalendern, auf Plakaten und Schallplattenhüllen das »Gesicht« der ostdeutschen Kultur mit und gehören heute zu den Klassikern des Genres.

Mit der gleichen Sorgfalt porträtierte Melis Menschen aus nahezu allen sozialen Bereichen, Arbeiter und Betriebsdirektoren, Bauern und Waldarbeiter, Handwerker und Händler, Kinder und »Halbstarke«, Funktionäre und Dissidenten. Ähnlich wie August Sander in der Zwischenkriegszeit gelang Melis so im Laufe der Jahrzehnte ein fotografischer Querschnitt durch nahezu alle Schichten der Bevölkerung im Osten Deutschlands.

Roger Melis
Fischer, Usedom, 1983

Melis suchte die Menschen am liebsten dort auf, wo sie arbeiteten, und begegnete allen mit dem gleichen Respekt. Seine Porträts der Ostdeutschen zeigen keine Typen und suchen niemanden zu entlarven, sie nähern sich den Menschen behutsam und sind offen für die Verschiedenheit ihrer Erfahrungen.

Den einfühlsamen Porträts stehen vielfach in eigenem Auftrag entstandene Reportagen und bestechende Milieustudien zur Seite, die gemeinsam ein umfassendes und vielschichtiges Bild der DDR entwerfen. Die Bilder erzählen vom Stolz und Selbstbewusstsein der Ostdeutschen, lassen Zeichen von Skepsis und Resignation, aber auch Trotz und den wachsenden Mut erkennen, der das System schließlich mit zum Einsturz brachte.


Die von der Stiftung Reinbeckhallen in Zusammenarbeit mit der LOOCK Galerie und dem Roger Melis Archiv ausgerichtete und von Mathias Bertram kuratierte Ausstellung umfasst rund 160 Aufnahmen und ist damit die bislang umfangreichste Retrospektive der DDR-Fotografien von Roger Melis. Neben bereits klassischen Aufnahmen werden erstmals viele bislang unbekannte Fotografien aus dem Nachlass des 2009 verstorbenen Fotografen präsentiert.