Berlin – Stahlwerker protestieren vor Treuhandanstalt
Gespräch

Der zweite Blick auf den dritten Weg

Ökonomie und Wirtschaftskonzepte in Ostdeutschland 89/90+
05. – 07.06.2019
Der »dritte Weg« – Illusion oder verpasste Chance? Als 1989 für einen kurzen Moment alles möglich wurde, entwickelten engagierte Bürger*innen und Expert*innen Ideen für die Gesellschaft der Zukunft. Welche ökonomischen Konzepte wurden hierfür verhandelt?

Zur gleichen Zeit standen ostdeutsche Bürger*innen auf individueller Ebene vor »handfesten« wirtschaftlichen Problemen. Betriebsschließungen und Massenentlassungen, die Deindustrialisierung ganzer Regionen prägten Umbruch und Transformationszeit für viele Menschen und wirken teilweise bis heute nach. Wie verlief die Transformation von Planwirtschaft zu Marktwirtschaft und die Privatisierung des Volkseigentums? Welche Alternativen wurden damals diskutiert und wie können sie heute bewertet werden? Wie steht es 2019, 30 Jahre nach dem Mauerfall, um die aktuell viel diskutierte »Aufarbeitung« der Treuhand?

Im Kontext des Umbruchs 1989/90 bezeichnete der »dritte Weg« eine Alternative zur DDR wie zur BRD. Heute taucht der Begriff auch in Zusammenhang mit alternativen Gesellschaft- und Wirtschaftskonzepten wie solidarische Ökonomie, Gemeinwohl- oder Postwachstumsökonomie auf.

Wie aktuell ist die Frage nach »dritten Wegen« – ganz konkret zum Beispiel mit Bezug auf die momentan hitzig geführte Debatte um den Berliner Wohnungsmarkt und Mieterinitiativen? Damals wie heute sind es engagierte Aktivist*innen, die sich nach dem »bottom up«-Prinzip organisieren, vernetzen und Alternativen aufzeigen. Viele empfinden auch heute eine Art Scheidewegsituation, die neue Lösungen erfordert. Wie unabhängig sind »dritte Wege« von ideologischer Vereinnahmung?


Mittwoch, 05.06.2019, 18 Uhr

Der zweite Blick auf den dritten Weg — Ökonomie und Wirtschaftskonzepte in Ostdeutschland 89/90+

Open Talk mit

Bernd Gehrke | Aktivist 89/90+, Ökonom & Historiker
Bernd Gehrke studierte 1969 bis 1973 Politische Ökonomie in Leipzig, seit 1975 war er wissenschaftlicher Assistent und Oberassistent am Zentralinstitut für Wirtschaftswissenschaften der Akademie der Wissenschaften der DDR. Wegen seiner Arbeit an Alternativen zum sogenannten real existierenden Sozialismus und dessen Ökonomie in einer illegalen Oppositionsgruppe wurde er im Januar 1978 aus der SED ausgeschlossen, fristlos entlassen und konnte seine begonnene Dissertation nicht beenden. Trotz Berufsverbots arbeitete er weiterhin in Oppositionszirkeln an den Themen einer Alternativökonomie; seit Dezember 1984 arbeitete er als Ökonom im Möbelkombinat Berlin. 1989 war Bernd Gehrke Mitverfasser des Gründungsaufrufs für eine Vereinigte Linke, und besonders seiner ökonomischen Forderungen; 1990 leitete er die Programm-Kommission der Vereinigten Linken. Er veröffentlichte zahlreiche Artikel und Bücher zur Geschichte der DDR; zur Ökonomie des »real existierenden Sozialismus« diskutierte er zuletzt mit Thomas Kuczynski 2017 in der Zeitschrift »Lunapark 21«.

Samirah Kenawi | Aktivistin 89/90+ & Autorin
1962 in Ostberlin geboren, studierte sie nach einer Tischlerinnenlehre an der TU Dresden Holzverarbeitung. Nach dem Diplom arbeitete Samirah Kenawi als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Forstwissenschaftlichen Institut in Eberswalde nördlich von Berlin. Schon vor der »Wende« in mehreren inoffiziellen DDR-Gruppen aktiv, suchte sie 1989 den Weg in die Politik. 1990 leitete sie das Berliner Büro des Unabhängigen Frauenverbandes (UFV), kam aber bald zu dem Schluss, dass die idealen Gesellschaftsentwürfe ohne ein ökonomisches Fundament nicht durchsetzbar sind. So begann Samirah Kenawi sich ausgehend von den Reformvorschlägen Silvio Gesells mit Ökonomie zu beschäftigen. Allmählich wurde so aus ihrer Suche nach gesellschaftlichen Alternativen ein alternatives Ökonomiestudium. Ihre Erkenntnisse hat sie nach zwei Jahrzehnten Studium in dem Buch »Falschgeld – Die Herrschaft des Nichts über die Wirklichkeit« wie auch auf ihrer Webseite www.falschgeldsystem.de veröffentlicht.

Ulrike Hamann | Sozialwissenschaftlerin & Mietenaktivistin
Ulrike Hamann geboren 1974 in Potsdam hat sie 1989 noch Jugendweihe gefeiert. In der »Wendezeit« wurde sie durch die Demonstrationen in Potsdam im Herbst 1989 politisiert. In den frühen 1990er Jahren besetzte sie Häuser in Potsdam und protestierte gegen den Golfkrieg. 1996 folgten der Umzug nach Berlin und erste Westkontakte mit der BRD-Hausbesetzerszene. Nach einer Ausbildung zur Metallbauerin und Netzwerkadministratorin studierte sie Kulturwissenschaften und Europäische Ethnologie, promovierte in Politikwissenschaften und Postkolonialen Studien. Seit 2011 engagiert sie sich als Mietenaktivistin und ist Mitbegründerin der Mietergemeinschaft Kotti & Co. Ulrike Hamann forscht als Sozialwissenschaftlerin an der Humboldt-Universität zu Migration und Stadt.

Moderation | Sophie Schulz


Freitag, 07.06.2019, 18 Uhr

Ökonomie und Wirtschaftskonzepte in Ostdeutschland 89/90+

Biografischer Abendsalon mit

Helmut Höge | Westberliner Schriftsteller & Betriebsaktivist 89/90+
geboren 1947, arbeitete er zunächst als Übersetzer und Tierpfleger für den indischen Großtierhändler und Besitzer des Bremer Zoos George Munro, studierte dann Sozialwissenschaften in Berlin und Bremen, und verdingte sich anschließend auf diversen Bauernhöfen in Westdeutschland als landwirtschaftlicher Betriebshelfer – zuletzt nach dem Mauerfall in einer ostdeutschen LPG. Als einer ihrer Begründer unterstützte und begleitete er dann die ostdeutsche Betriebsräteinitiative bei ihren Versuchen, sich gegen die Treuhand zu verteidigen und gab in diesem Kontext u.a. zwischen 1991 und 1993 das Informationsblatt »Ostwind« heraus.

Helmut Höge ist seit 1971 journalistisch tätig, darunter u.a. seit 40 Jahren als Autor, Gärtner und »Aushilfshausmeister« für die taz. Er ist Autor zahlreicher Essays, Kolumnen, Reportagen und Bücher, die ungewöhnliche und humorvolle mikroskopische Perspektiven auf Themen wie Wirtschaft, Alltagskultur oder auch Tiere werfen, so zuletzt der Sammelband »Die lustige Tierwelt und ihre ernste Erforschung« (2018). Auch seine ökonomischen Feldstudien, die aus seiner Beschäftigung mit ostdeutschen Betrieben wie z.B. Narva oder dem Werk für Fernsehelektronik in der Zeit des Umbruchs entstanden sind, publizierte er z.B. in Form des Bandes »Berliner Ökonomie. Prols und Contras« (1996).

Stephan Schillhaneck-Demke
| Aktivist 89/90+, Betriebsrat WF Oberschöneweide & Gewerkschafter
Jahrgang 1959, war von 1978 bis 1992 im Werk für Fensehelektronik (WF) in Oberschöneweide tätig. Seit 1989 engagierte er sich in der Abteilungs- und Betriebsgewerkschaftsleitung, ab 1990 im Betriebsrat, im Bündnis Kritische Gewerkschafter*innen Ost/West und in der IG Metall. Daneben war er Redakteur der Zeitung »Der Betriebsrat« des WF und des »Ostwind«, der Zeitung ostdeutscher Betriebsräte, sowie der IG Metall Jugend Monatshefte. Stephan Schillhaneck-Demke engagiert sich seit vielen Jahren außerdem in vielen gemeinnützigen und selbstorganisierten Initiativen und arbeitete seit 1994 als Betreuer, Erzieher und Heilpädagoge. Parallel war und ist er in zahlreichen Betriebsräten im Bereich soziale Arbeit aktiv.

Moderation | Sophie Schulz

Gemäß einer »Geschichte von unten« dreht sich dieser Erzählsalon um die persönlichen Erfahrungen und Perspektiven von zwei ehemaligen Betriebsaktivisten. Auf ganz unterschiedliche Weise haben sie die Proteste der Arbeiter*innen 1989/90 miterlebt, beobachtet und mitgestaltet. Auch das Publikum ist eingeladen, eigene Geschichten und Erfahrungen zu teilen.


Die Veranstaltung ist Teil der Reihe forum 89/90+, die sich mit den innovativen und emanzipatorischen Potenzialen der Umbruchszeit in Ostdeutschland 89/90+ beschäftigt.

Zum Gesamtprogramm

Helmut Höge © privat
Ulrike Hamann © privat
Stephan Schillhaneck © privat