Andreas Rost, ohne Titel aus der Serie Paraden/Berlin, 1996 - 2003, Archiv-Pigmentdruck © Andreas Rost

Künstlergespräch: Andreas Rost und Piotr Nathan

Moderiert von Dr. Candice M. Hamelin
10.12.2020

In den späten 1980er und frühen 1990er Jahren begannen Künstler nach neuen Arbeits-und Lebensmodellen in Berlin zu suchen. Angeregt durch die Möglichkeiten, die die wirtschaftliche und physische Leere Berlins bot, strömten einige Künstler nach Berlin, um ohne die Zwänge zu arbeiten, die anderswo zu spüren waren, während andere Künstlergemeinschaften gründeten und Aktivitäten ausübten, die Menschen aus der ganzen Welt anzogen. Die Künstler Andreas Rost und Piotr Nathan werden am 10. Dezember gemeinsam mit der Kunsthistorikerin und Kuratorin Candice M. Hamelin in den Reinbeckhallen über diesen Zeitraum sprechen, der den Fall der Berliner Mauer einrahmt.


Andreas Rost (* 1966 in Weimar):

Anfang der 1990er Jahre beschlossen junge Kreative, darunter Andreas Rost, in die Friedrichstraßen-Passage zu ziehen, ein fünfstöckiges Gebäude im Scheunenviertel, das im Zweiten Weltkrieg stark beschädigt wurde und damals verlassen war. Dort, inmitten seiner bröckelnden Mauern und Infrastruktur, gründeten das Tacheles, eine Künstlergemeinschaft und Begegnungsstätte, die Künstler*innen und Tourist*innen aus aller Welt anzog und ihnen die Möglichkeit bot, Avantgarde-Konzerte, Aktionstheater, zeitgenössischen Tanz, Performancekunst, Installationen und Ausstellungen zu sehen und zu erleben. In den ersten Jahren fotografierte Rost die Tacheles-Bewohner und ihre Umgebung. Außerdem bat er Annette Gries, Künstler*innen zu interviewen und ergänzte Tacheles: Alltag im Chaos (1990-1993), eine Serie, die Porträts, Architekturfotografien und Texte um die transkribierten Passagen, miteinander verknüpft.

Tacheles: Alltag im Chaos wird zum ersten Mal als umfassende Serie in den Reinbeckhallen ausgestellt, zusammen mit Paraden/Berlin (1996–2003), einem weiteren Werk von Rost, das nie zuvor gezeigte Bilder der Love Parade enthält. Rost studierte von 1988 bis 1993 bei Arno Fischer und Evelyn Richter an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig. Seitdem arbeitet er in Berlin und auf der ganzen Welt als freischaffender Fotograf, Kurator und Dozent. Er erhielt zahlreiche Stipendien, u.a. von der Stiftung Kunstfonds Berlin, und veröffentlichte vor Kurzem das Buch Das Jahr 1990 freilegen (2019). Rost lebt und arbeitet in Berlin.


Piotr Nathan (* 1956 in Danzig):

Piotr Nathan studierte unter Sigmar Polke an der Hochschule für Bildende Künste in Hamburg und zog 1986 nach West-Berlin. Schnell wurde er zu einer zentralen Figur in der Berliner Kunstszene und ein enger Freund von Nan Goldin, die zum ersten Mal 1984 nach West-Berlin reiste und dann nochmal 1986, um ihren Film The Ballad of Sexual Dependency im Kino Arsenal und auf dem Berliner Film Festival zu zeigen. Wie unzählige andere fühlte sich Goldin von der Stadt und ihren Bewohnern angezogen und kehrte 1991 mit Unterstützung eines Stipendiums des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) zurück. Im Laufen der folgenden Jahre fotografierte sie Nathan in intimen und alltäglichen Situationen: auf Reisen, in einem Hotelbett ausruhend, seinen Geliebten im Arm haltend, am Küchentisch sitzend, entweder direkt in die Kamera schauend oder sich auf die Injektion einer mit Medikamenten gefüllten Nadel vorbereitend. Diese Bilder nehmen eine ganze Wand in den Reinbeckhallen ein.

Neben den Malerei Klassen bei Sigmar Polke nahm er an Klassen für Kulissen-und Bühnenbildmalerei bei K.E. Herrmann teil. Er hat zahlreiche Preise und Stipendien erhalten, darunter vom Kunstfonds in Bonn und von der Pollock-Krasner-Stiftung in New York City. Seit 2006 arbeitet er als Professor für Zeichnung und Druckgrafik an der Muthesius Kunsthochschule in Kiel. Nathan hat seine Werke in Einzel-und Gruppenausstellungen weltweit ausgestellt. Derzeit lebt er in Berlin.