Andreas Rost, ohne Titel aus der Serie Paraden/Berlin, 1996–2003 © Andreas Rost
Gespräch

Künstlergespräch mit Andreas Rost und Piotr Nathan

Moderiert von Dr. Candice M. Hamelin
Frühjahr 2021 | Save the Date

In den späten 1980er und frühen 1990er Jahren begannen Künstler*innen nach neuen Arbeits- und Lebensmodellen in Berlin zu suchen. Angeregt durch die Möglichkeiten, die ihnen die wirtschaftliche und physische Leere Berlins bot, strömten einige Künstler*innen nach Berlin, um ohne jene Zwänge zu arbeiten, die anderswo spürbar waren. Andere wiederum initiierten Künstlergemeinschaften und Kunstaktionen, die Menschen aus der ganzen Welt anzogen.

Die Künstler Andreas Rost und Piotr Nathan werden gemeinsam mit Candice M. Hamelin, Kunsthistorikerin und Kuratorin der Ausstellung Berlin, 1945–2000: A Photographic Subject, über diesen Zeitraum rund um den Berliner Mauerfall sprechen.


Andreas Rost (*1966 in Weimar)

Anfang der 1990er Jahre beschlossen junge Kreative, darunter Andreas Rost, in die Friedrichstraßen-Passage zu ziehen, ein fünfstöckiges Gebäude im Scheunenviertel, das im Zweiten Weltkrieg stark beschädigt wurde und damals verlassen war. Dort inmitten seiner bröckelnden Mauern und Infrastruktur gründeten sie das Tacheles, eine Künstlergemeinschaft und Begegnungsstätte, die Künstler*innen und Tourist*innen aus aller Welt anzog und ihnen die Möglichkeit bot, Avantgarde-Konzerte, Aktionstheater, zeitgenössischen Tanz, Performancekunst, Installationen und Ausstellungen zu sehen und zu erleben. In den ersten Jahren fotografierte Rost die Tacheles-Bewohner*innen und ihre Umgebung. Außerdem bat er Annette Gries, Künstler*innen zu interviewen und ergänzte damit seine Serie Tacheles: Alltag im Chaos (1990–1993), die Porträts und Architekturfotografien mit den Texten der transkribierten Interviews verknüpft.

Tacheles: Alltag im Chaos wird zum ersten Mal als umfassende Serie in den Reinbeckhallen ausgestellt, zusammen mit Paraden/Berlin (1996–2003), einem weiteren Werk von Rost, das nie zuvor gezeigte Bilder der Love Parade enthält. Rost studierte von 1988 bis 1993 bei Arno Fischer und Evelyn Richter an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig. Seitdem arbeitet er in Berlin und weltweit als freischaffender Fotograf, Kurator und Dozent. Er erhielt zahlreiche Stipendien, u.a. von der Stiftung Kunstfonds Berlin, und veröffentlichte vor Kurzem das Buch Das Jahr 1990 freilegen (2019). Derzeit lebt Andreas Rost in Berlin.


Piotr Nathan (*1956 in Danzig)

Piotr Nathan studierte unter Sigmar Polke an der Hochschule für Bildende Künste in Hamburg und zog 1986 nach West-Berlin. Schnell wurde er zu einer zentralen Figur der Berliner Kunstszene und ein enger Freund von Nan Goldin, die 1984 erstmals nach West-Berlin reiste und dann erneut in 1986, um ihren Film The Ballad of Sexual Dependency im Kino Arsenal und auf dem Berliner Film Festival zu zeigen. Wie unzählige andere fühlte sich Goldin von der Stadt und ihren Bewohner*innen angezogen und kehrte 1991 mit einem Stipendium des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) nach Berlin zurück. Im Laufe der folgenden Jahre fotografierte sie Nathan in intimen und alltäglichen Situationen: Auf Reisen, seinen Geliebten im Arm haltend, am Küchentisch sitzend, auf einem Hotelbett ausruhend, entweder direkt in die Kamera schauend oder sich auf die Injektion einer mit Medikamenten gefüllten Nadel vorbereitend. Diese Bilder nehmen eine ganze Wand in den Reinbeckhallen ein.

Neben den Klassen für Malerei bei Sigmar Polke nahm er zudem an Klassen für Kulissen-und Bühnenbildmalerei bei K.E. Herrmann teil. Er hat zahlreiche Preise und Stipendien erhalten, darunter vom Kunstfonds in Bonn und von der Pollock-Krasner-Stiftung in New York City. Seit 2006 arbeitet er als Professor für Zeichnung und Druckgrafik an der Muthesius Kunsthochschule in Kiel. Nathan hat seine Werke in Einzel-und Gruppenausstellungen weltweit ausgestellt. Derzeit lebt Piotr Nathan in Berlin.